Dienstag, 26. Februar 2019

Weg unser

Himmlischer Weg,
Du heilst alle Namen,
Dein Reich ist nahe.

Befreit von Eigenwillen
verschwimmen die Grenzen
zwischen oben und unten.

Von Dir empfängt unsere Seele
all ihre Nahrung.

Dein Licht löst alle Fesseln
und schenkt uns die Kraft
zur Vergebung.

Du führst uns in jeder Versuchung
und erleuchtest selbst den dunkelsten Pfad.

Denn Du bist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
für jetzt und alle Zeit.

@ ts 2017

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Verwirklichung

Ich bin auch so einer,
der sich sehr gerne in Worten,
in Philosophien
und Denkschulen
verliert.

Und manchmal denke ich,
daß erst auf dem Sterbebett
mich überkommen wird
dieses unsterbliche Lachen,
ein Moment des Erkennens,
wie mühelos Verwirklichung
gewesen doch wäre.

© ts 2017

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Querung des Flusses (2. Fassung)

Bei dem Versuch,
einen Fluß zu überqueren,
wäre Siddhartha Gautama
beinahe ertrunken.

Völlig erschöpft,
den Fluten entronnen,
fragte er sich:
Wie jemals das große
'Nichtswa(h)rmeer' erreichen,
wenn schon unmöglich zu queren
dies’ irdische Rinnsal.

Und er erkannte:
Keine Brücke,
keine Furt,
nicht ein Weg,
kein Tun,
kein Verlangen
würde ihn führen
hinüber.

Unter einem nahgelegenen Baum
setzte er sich nieder,
endlich bereit zu ertrinken,
zu entsinken
auf den Grund aller Gründe
hinab.

© ts 2017

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ENTWUNDERUNG

durchgangsstraßen
durchgangsstraßen & laternenmasten

laternenmasten
laternenmasten & feminist*innen

durchgangsstraßen
durchgangsstraßen & feminist*innen

durchgangsstraßen & laternenmasten & feminist*innen &
ein entwunderter 

Nach Studenten-Protesten gegen ein Gedicht von Eugen Gomringer ließ die Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf eine Fassade neu gestalten. – Vorwurf: klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind. – Kurz: Sexismus. 

© ts 2017
Quelle: David von Becker

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Only Lovers left alive

Ich hörte von Paaren,
die einander so wundervoll
zum Klingen bringen konnten,
daß ihre Herzen sich öffneten,
sobald nur ihre Blicke
miteinander sprachen.

Und wenn sie
in der Stille ruhten,
eng umschlungen,
bei einander,
erblühten sie
zu einem Wesen.

Und wenn sie einander küßten
- Oh, welch Odem liegt in solchen Küssen! -
tropfte von ihren Lippen
der Sterne Gesang.

© ts 2018

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Der 17. Juni

oder
 
Zum Tage samt all seiner Zeichen
einer äußerst deutschlichen Ungeeintheit*

70 Jahre nach Kriegsende,
der Auferstehung aus Ruinen,
legte sich eine große Selbstverdrossenheit
über das Land der Dichter und Denker,
das Land der Richter und Henker,
das Land der Zweifler und Entzweiten,
der viel zu wenig nur Liebenden,
der bevorzugt sich selber und andere
Hassenden.

Und gerad’ als das Land mal wieder dabei war,
in den tiefsten Schichten seines Unbewußten zu graben,
sich an seinem mangelnden Selbstbewußtsein zu laben,
flüsterte ihm plötzlich eine verführerische Stimme ins Ohr:

'Deutschland, Deutschland,
möchtest Du sterben?'

Das Angebot war verlockend,
doch Deutschland spürte in sich hinein
und stellte fest,
daß all das,
was ihm dereinst war verheißen,
doch noch gar nicht so recht
ans Licht gekommen war.

Und die Stimme drang tiefer in es ein:

'Deutschland, Deutschland,
wünschst Du Dir Deinen Tod
oder möchtest Du Dich verjüngen?’

Deutschland war schockiert,
Deutschland wußte gar nicht,
daß es die Wahl hatte.

'Doch Du hast sie.

Zu Deinem Tod führt der geradezu panische Versuch
Deines Volkskörpers, ziel- und planlos zu wachsen.

Verjüngung entsteht,
wenn Du Dich entscheidest,
den tieferen Plan Deiner Evolution
zu aktivieren.

Solange Du bereit bist,
Deiner höheren Bestimmung zu folgen,
wird die Tendenz zum Volkstod
in die Tendenz
zu einer neuen Volksblüte
umgewandelt.

Dein Tod kommt,
wenn Du Dich entscheidest,
dies jedoch nicht mehr zu tun.

Deutschland, Deutschland,
Du wirst nur so lange leben,
wie Du auch schöpferisch bist.

Deutschland, Deutschland,
- so oder so -
Deine Krisenjahre werden Dich führen
zu einer Metamorphose.’

* Zuweilen sind auch Dichter anlehnungsbedürftig,
lehnen sie sich ein wenig an an entliehene Worte
und Gedanken. – Das kleine deutsche Selbstgespräch
ist entliehen einem Zitat von Barbara Marx Hubbard
(wer auch immer diese Dame sein mag) und ihrem Buch
’Vom Ego zur Essenz’


© ts 2018

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Buddham saranam gacchami

Ich lasse ab von einem jeden Kampf
und lege Dir,
von dem ich nicht weiß,
wer Du bist,
von dem ich nur sehe,
wie Du mich
und alles Seiende
so mühelos trägst
und nährst
und liebst,
meinen Geist
in Deine gütigen Hände.

Verfahre mit mir
wie Du beliebst
und nicht,
wie ich in meinem Geschlagensein,
meiner Blindheit,
mir dies wünsche.

Ich lasse ab von einem jeden Kampf
und nenne Dich,
von dem ich nichts weiß
und nichts wissen kann,
vertrauensvoll ‘Herr’,
beseelt von dem Wunsch,
daß Du mir mehr sein wirst,
als ein Vater es
je könnte.

Ich lasse ab und bereue
einen jeden noch so kleinen Kampf,
den ich in Deinem Garten
je geführt –

Nein,
ich suche keine Zuflucht in Dir,
vielmehr verhält es sich so,
daß ich strecke vor Dir
all meine Waffen.

Endlich bereit
zur letzten großen Kapitulation.
Bedingungslos ergeben.

Bereit, von Dir getilgt
und gänzlich ausgelöscht
zu werden.

Und ich weiß, Herr,
noch bin ich ein Ich
und Deiner kaum würdig.

Doch ich lausche, Herr,
ich lausche immerzu,
und allein dies schon
läßt meine Seele gesunden.

Buddham saranam gacchami.
Dhammam saranam gacchami.
Sangham saranam gacchami.

Mein Ich zu Deinen Füßen, Herr.
Mit der Stirne küssend den Weg,
auf dem das Leben fest gegründet.

Umfangen, gehalten,
von den Armen, den Herzen,
all meiner Schwestern
und Brüder.

© ts 2018

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Durch die Wüste

(für noemi)

wenn wir durch die wüste des lebens schreiten,
führt uns, bis wir lernen,
unserer eigenen führung zu vertrauen,
unser weg nur tiefer und tiefer in die wüste hinein.

beginnen wir ihr zu vertrauen,
wird uns sehr bald schon so etwas wie ein duft
von ferne her in der nase liegen.

der nase nach weiter…

als nächstes erkennt unser auge dann
in der wüste erste, zarte zeichen von grün,
hier und da ein blatt, eine knospe,
bald drauf ein erstes blühen.

das weckt den geist
und stärkt das vertrauen,
auf dem richtigen weg zu sein.

weiter, weiter, immer weiter,
bis wir den rand der wüste erreichen
und gewahr werden,
daß um uns herum das schiere leben blüht,
die wüste nicht mehr wüste ist,
sondern eine oase
oder ein flußdelta.

weiter, weiter, immer weiter,
unsere innere führung wird uns ziehen,
bis wir am ufer des flusses angekommen,
am quell der oase niederknien.

kleine kinder spielen dort,
sie sich gegenseitig naßspritzen
mit jenem wasser,
sie ausgelassen fröhlich sind.

in ihrem übermut
spritzen sie nicht nur einander,
sondern auch die pilger nass,
die geradwegs aus der wüste kommen.

jetzt, da uns die ersten kühlen tropfen treffen,
erkennen wir erstmals das wahre ausmaß
unseres dursts.

und jeder tropfen, der uns trifft,
läßt alte erinnerungen aufkeimen,
sofort.

sich von ihnen nicht ablenken zu lassen,
ist das gebot der stunde,
sie stattdessen ziehen zu lassen
mit der kraft jenes wassers
hinfort.

es wird abend,
das lachen der kinder verhallt,
sie sind längst daheim,
bei mutter und vater,
während wir noch immer am ufer des flusses,
der quelle stehen,
wie einer,
der in seinem herzen
diese unsagbare sehnsucht verspürt,
zu fallen, zu fallen, kopfüber zu stürzen.

wind kommt auf,
mehr und mehr gischt spritzt uns ins gesicht,
schon trunken wollen wir eines nur:
stürzen, stürzen, bloß noch stürzen.

doch längst ist da keine quelle,
kein fluß oder strom mehr,
bloß jenes alldurchfließende meer.

und wir,
die wir nicht wissen,
was uns noch hält
und gehalten doch werden
von den zartesten banden
der ichheit.

stillhalten,
weiterhin stillhalten,
weiter und weiter,
und tiefer -
und tiefer vertrauen.

© ts 2018

Königskinder

Königskinder
suchen Königswege.

Auch wenn sie fallen,
in Dunkelheit fallen,
so streben sie wieder
-wieder und wieder-
ihrer Natur folgend
zum Licht.

@ ts 2018

Mu

Und schon wieder lacht
Bodhidharma:

All Deine Fragen
sind ja kaum
weniger töricht
als die des Kaisers
Wu.

In der offenen Weite
nicht nur Nichts
von Heilig,
sondern auch
von Unheilig,
ebenso.

Vereinige
Dein Objekt
und Dein Subjekt,
vergiß die Ichheit,
sei einfach nur
Mu.

@ ts 2018

ZWEI FREMDE II.

(für d.)

zwei fremde
und ein geständnis
in ihren herzen irgendwo
verschüttet
eine erinnerung
wie es sein könnte
zu leben
von all diesen fesseln
befreit

sie sagte
ich möchte
alles geben
der welt
er fragte zurück
hast du denn schon
in dir
dieses alles
geschaut

zwei fremde
noch nicht wissend
wie sehr sie
im herzen
des einen
miteinander
verschwistert

gott allein weiß
ob sie es werden
jemals
erfahren

und ob sie
wenn sie es sehen
sich dann auch
getrauen
einander
in die augen
zu blicken

© ts 2019

Am Horizonte zieht auf...

Am Horizonte
zieht auf
eine merkwürdige
Zeit;

schon die Späher
laufen davon
blaß,
so bleich
und ganz erfüllt
vom Schrecken.

Noch ahnen wir nicht,
was sie gesehen.

Noch treiben wir
klaglos,
nahezu klaglos,
tagein,
tagaus
unser Spiel.

Noch marschieren wir
nicht.

Noch fehlt uns
das Rüstzeug.

Doch hier und da
brodelt's:

Es geht die Kunde,
unweit der Grenze
seien Standarten
zu sehen,
zu zählen
Legionen.

Die Stille trügt.

Ganz plötzlich
losbricht
ein Sturm.

Der Tag sich
verdunkelt.

Schon bebt die Erde,
sind jene Posaunen
zu hören -

Nun erst
ergeht der Befehl,
die Tore
zu schließen.

Zu spät.

Auf meiner Flucht
ich stolpere
über ein sterbendes
Kind -

sein ganzes Angesicht
lächelt,

in seinen Augen
stehen Tränen.

Ich falle.

Es ergreift
meine Hand:

'Hab keine Angst,
hab keine Angst,
es ist doch nur
die Rückkehr
des Königs!'

© ts 2009